„Bauen, bauen, bauen“

Kerstin Schreyer

 Aus erster Hand

Social Media und Print zusammendenken: Wir haben anlässlich unseres zehnjährigen Jubiläums eine besondere Posting- und Interview-Reihe gestartet. Unsere Leserinnen und Leser stellen auf Instagram und Facebook Fragen an bayerische Politiker, Unternehmer und Künstler. Wir leiten die Fragen an die Personen des öffentlichen Lebens weiter und die Antworten gibt es immer in der gedruckten Ausgabe zu lesen. Den Anfang macht in dieser Jubiläumsausgabe die Bayerische Staatsministerin für Wohnen, Bau und Verkehr, Kerstin Schreyer, die sich zum Beispiel dafür ausspricht, den öffentlichen Nahverkehr in Bayern so auszubauen, dass jeder Mensch gerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt.

 

Welche Ideen haben Sie, um die Verkehrsproblematik in München zu lösen?

In München haben wir die Situation, dass die S-Bahn für 240.000 Menschen gebaut wurde. Vor Corona haben sie aber bis zu 840.000 jeden Tag genutzt. Da ist es logisch, dass das System so nicht mehr greifen kann. Deswegen hat der Freistaat Bayern mit seinem Programm „Bahnausbau Region München“ ein Konzept für den Ausbau des Schienenpersonennahverkehrs und insbesondere der S-Bahn in der stark wachsenden Metropolregion München aufgestellt. Zentrales Element dieses Programms ist die 2. Stammstrecke. Wir brauchen aus meiner Sicht vor allem eine erhebliche Beschleunigung in der Fragestellung des Ausbaus der S-Bahn-Außenäste. Nur zusammen mit der 2. Stammstrecke und den ausgebauten Außenästen wird die S-Bahn fit für die Zukunft. 

Wir schauen uns auch den gesamten Großraum München an, um das Verkehrssystem intelligenter aufzustellen, von der Stärkung des Rad- und Fußverkehrs über faire Verteilung der Verkehrs- und Parkflächen auf alle Verkehrsarten bis zur besseren Verknüpfung von individuellem und öffentlichen Verkehr mit Bike & Ride und Park & Ride. Da gehört es auch dazu, dass andere Beförderungstechnologien als Ergänzungen von S-Bahn, U-Bahn, Tram und Bus in Betracht gezogen werden, so zum Beispiel Seilbahnen. 

Natürlich geht das alles nur zusammen mit der Stadt München und den Landkreisen. Alle müssen sich hier engagieren. So sind die Landkreise zum Beispiel für die Querverbindungen untereinander zuständig. Es macht doch keinen Sinn, dass man aus den Landkreisen erst in die Stadt reinfahren und dort umsteigen muss, um wieder nach draußen zu fahren.

Allerdings hat Corona bereits vieles verändert. Viele Unternehmen und Behörden haben durch Corona das Homeoffice ausgebaut. Ich vermute auch, dass sich die Arbeitszeiten ändern werden. Denn viele wollen vielleicht nicht mit allen Schülern dicht gedrängt in den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Ich glaube, dass man mehr zu anderen Tageszeiten oder in anderen Settings arbeiten wird. Das heißt also: Auch die Verkehrspolitik wird eine andere werden. Denn wir fahren zu anderen Zeiten, wir nützen vielleicht andere Verkehrsmittel und wir haben vielleicht nicht mehr die Ballung zu bestimmten Uhrzeiten. Das würde sehr entlastend sein, vor allem da, wo es jetzt schon eng zugeht.

Aus meiner Sicht wird der ÖPNV eine ganz besondere Rolle bekommen. Schon jetzt wird der ÖPNV großzügig vom Freistaat gefördert, um ein attraktives Angebot zu schaffen. Wir müssen ein Angebot machen, damit viele Menschen sagen: Wenn das so attraktiv ist, steige ich vom Auto um. Ich mag aber den Begriff Verkehrswende nicht, mir geht es um die Wahlfreiheit. Denn es wird immer Menschen geben, die auf das Auto angewiesen sind, auch in der Stadt. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass ein Handwerker das Baumaterial in den Bus oder die Tram einlädt.

Verkehrsfreie Innenstädte in Bayern: Was halten Sie von dieser Idee?

Generell bin ich kein Freund davon, die unterschiedlichen Verkehrsträger wie Bus, Bahn, Auto und Fahrrad gegeneinander auszuspielen. Ich glaube, dass wir alle unterschiedliche Lebenssituationen haben. Es gibt Menschen, die sich wunderbar im öffentlichen Nahverkehr bewegen können und die überhaupt kein Auto haben und es auch nicht brauchen. Und es gibt Menschen, die nicht nur zu ihrem Arbeitsplatz, sondern überall mit dem Auto hinfahren. Für die funktioniert es deswegen ohne Auto überhaupt nicht. Manche müssen auch etwas transportieren. Oder ihre Kinder versorgen und abgeben oder ihre Eltern pflegen. Mein Herz schlägt dabei für alle Möglichkeiten, weil ich glaube, dass wir den Menschen nach wie vor die Wahlfreiheit lassen müssen. Die Menschen sollen sich frei entscheiden können, wie sie sich fortbewegen wollen.

Wir müssen die Einzelbiografie akzeptieren. Wir müssen es schaffen, dass jeder passgenau das Verkehrsmittel nutzen kann, das für seine Zwecke passt. Gleichzeitig müssen wir den öffentlichen Nahverkehr so klug ausbauen, dass auch der, der das Auto nicht zwingend braucht, gerne öffentlich fährt.

Wir müssen bei allen Maßnahmen immer schauen: Was ist nachhaltig und zukunftsfähig? Wichtig sind kluge und tatsächlich praktikable Lösungen, die die Situationen vor Ort berücksichtigen und akzeptiert werden. Was wir brauchen, sind ganzheitliche und intelligente Lösungen. Verbote gehören da für mich nicht dazu. 

Gibt es Perspektiven für preiswerten Wohnraum innerhalb Münchens und im Umland? Und: Welche Möglichkeiten gibt es, die Zahl der Plätze in Studentenwohnheimen zu erhöhen?

Die Wohnraumfrage ist eine unserer großen Herausforderungen. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass immer mehr Menschen nach Bayern wollen. Das ist gut, weil wir dadurch immer mehr Fachkräfte kriegen. Aber die Menschen müssen ja auch irgendwo wohnen.

Im Großraum München ist die Frage schon gar nicht mehr Gibt es kostengünstigen Wohnraum?, sondern Gibt es überhaupt Wohnraum? Wenn wir überlegen, dass in München in den nächsten zehn Jahren noch mal 300.000 Menschen dazukommen, dann müssen wir beim Wohnungsbau dringend anschieben.

Sehr wahrscheinlich wird die Nachfrage gerade nach bezahlbarem Wohnraum durch die Corona-Pandemie noch steigen. Gesetzliche Regelungen wie die Mietpreisbremse können allenfalls flankierende Maßnahmen sein. Gegen einen angespannten Wohnungsmarkt und hohe Mieten hilft aber eines immer noch am allerbesten: „bauen, bauen, bauen“. Für diese große Aufgabe brauchen wir auch die Kommunen. Daher mein Appell an die Städte und Gemeinden, dass wir diese Herausforderung gemeinsam angehen. Als Freistaat engagieren wir uns mit unseren drei staatlichen Wohnungsbaugesellschaften. Sie haben den Auftrag, in den kommenden Jahren 12.000 neue Wohnungen auf den Weg zu bringen. Trotz Corona machen wir dabei natürlich weiter. Unsere Mittel für die Wohnraumförderung sind seit Jahren auf einem hohen Niveau. Für dieses Jahr stehen voraussichtlich 848 Millionen Euro zur Verfügung.

Auch Studierende brauchen ein bezahlbares Dach über dem Kopf. Wir unterstützen daher seit vielen Jahren die Schaffung und den Erhalt von bezahlbarem Wohnraum für Studierende. In den letzten fünf Jahren haben wir bayernweit mit rund 189 Millionen Euro 5.500 bezahlbare Wohnplätze für Studierende neu geschaffen oder erhalten. Allein in München wurden in diesem Zeitraum 1.711 Wohnplätze mit 59 Millionen Euro gefördert. Auch in den nächsten Jahren sollen zusätzliche Wohnplätze für Studierende entstehen. Für das Jahr 2021 stehen bayernweit voraussichtlich 38 Millionen Euro für die Studentenwohnraumförderung zur Verfügung. Mit diesem Geld sollen auch Projekte in München und Garching unterstützt werden.

 

Kerstin Schreyer. Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr.

Foto: StMB/Fotoatelier Krammer /

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